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vier jahre im AUS-land


oder …
OHNE MOOS NIX LOS

21. september,  isla de margarita / venezuela

an diesem tag genau vor vier jahren stieg ich in porlamar aus frankfurt kommend aus dem flugzeug um ein neues leben in freihet zu führen, frei von zwängen, frei von existenzängsten und frei von den diktaten deutscher bürokratie.

zuvor hatte ich im frühjahr 2008 einige wochen zeit mich auf margarita umzusehen und befand, hier ist der perfekte ort um in ruhe zu altern, mir ein kleines haus zu bauen und den traum von einer kleinen familie endlich zu leben ...

mein segelboot konnte ich noch halbwegs gut verkaufen und mein startkapital betrug damals um die zehntausend euro, ich fühlte mich gut gerüstet beim start in meiner neuen heimat, in einer bananenrepublik … meine wichtigsten 3 m³ hab und gut kamen einige wochen später im container auf dem seeweg nach … maschinen, werkzeuge, materialien, mein fahrrad und ein wasserbett.

genügend potenzielle kundschaft hatte ich während der ersten stipvisite ausgemacht, allein in der größten ankerbucht der insel, in porlamar zählte ich 140 masten. in den marinas und auf den werften tummelten sich die ausländischen yachties um ihre segelyachten zu überholen oder einfach nur das billige und unkomplizierte leben in venezuela zu genießen. mit großer ernstzunehmender konkurenz hatte ich nicht zu rechnen und so lief alles gut an. nach wenigen wochen hatte ich meine flyer an allen wichtigen punkten positioniert, bei meinen neuen ansprechpartnern die klinken geputzt und ihnen die hände geschüttelt … die karibische hurrikansaison konnte kommen und mit ihr noch mehr segler aus dem nördlichen teilen der karibik die hier schutz suchen. (venezuela ist ein sicherer ort vor diesen tropischen wirbesstürmen)

zehntausend euro sind keine summe bei der man von den zinsen leben kann und sehr schnell aufgebraucht. bei meiner bescheidenen lebensweise könnte diese summe gut für 2 jahre des überlebens ausreichen … wenn nicht immer ungeplantes dazwischenkäme.

für alle zukünftigen republikflüchtlinge und vaterlandsverräter daher einige ratschläge …

man nehme soviel wie möglich geld mit, muß ja nicht alles in bar sein … mindestens 50 tsd euro …

man sollte sich so schnell als möglich ein fahrzeug kaufen …

man sollte sich eine solide basis suchen von der aus man agiert, etwas zur miete und in zentraler lage …

und man sollte all den ballast den man im laufe seines lebens angesammelt hat daheim noch verscherbeln sonst wird er schnell auch zum ballast in der neuen heimat …

den ersten monat verbrachte ich in einem billigen stundenhotel aber auch das summiert sich schnell, tag für tag 60 bolivares … dann fand ich ein schmuddeliges zimmer in einer pension. bett, stuhl und klo mit dusche für ganze 200 bolivares im monat. um nun von a nach b zu gelangen benutzte ich den öffentlichen schrottverkehr, die busse. bis heute verstehe ich nicht das von dem eingenommen fahrgeldern nichts verwendet wird um die technik zu warten, erst wenn die vorderachse sich vom chassis verabschiedet hat ist das geschrei groß …

obwohl die insel nicht sehr groß ist wird eine fahrt mit den bus an das andere ende zu einer tagesreise, staubig und verschwitzt kommt man völlig erschöpft am späten nachmittag heim und hat weniger als die hälfte des geplanten geschafft. für den innenstadtbereich hatte ich mein fahrrad und war immer flotter am ziel als mit jeglichem auto oder bus ...

ich lernte einen gauner wie er im buche steht kennen, erfuhr das er einem ausweise, führerscheine und einiges mehr beschaffen könne … aber mein geld war mir dazu nun wirklich zu schade, 1000 euro für ein visa was unter umständen nicht einmal einer überprüfung standhält, das musste nicht sein. das mußte auch offiziell gehen, ohne korruption …

fred hatte aber auch anderes zu bieten, z.b. autos, motorboote etc. … bloß wußte kaum jemand das die schönen dinge die er einem anbot nicht sein eigen waren. ich wußte davon bis dato nichts und kaufte ihm ende 2009 ein auto ab, groß und rot war es, mit 8 sitzplätzen, ideal zum arbeiten … und langsam musste ich etwas tun, die 10.000 euro waren auf einen rest zusammengeschrumpft und mit jedem weiteren tag würden es weniger sein … aber es blieb mir keine zeit zum arbeiten, das auto verlangte mir alle zeit ab. die papiere waren nicht in ordnung und ständig hatte ich neue überraschungen mit diesem rollenden schrotthaufen bis hin das mir das automatikgetriebe seinen dienst versagte …

aber es gab auch immer wieder mal etwas positives, ich bekam einen guten auftrag, ein rigg komplett erneuern, verdiente richtige dollar und konnte mir wieder etwas zeit verschaffen die dinge in ruhe anzugehen … anfang 2010 kam ein weiterer großauftrag, bei einem neugebauten 18m katamaran zum ersten mal den mast stellen, nun hatte ich wieder über mehrere wochen eine bestimmung und ordentlich zu essen …

wer sich ein grundstück, ein auto oder boot kaufen möchte sollte dies nicht auf basis eines touristenvisa tun, diese verträge sind schlimmstenfalls rechtsunkräftig …

ganz wichtig ist die echtheit der papiere, um dies zu überprüfen braucht man unbedingt eine vertrauensperson …

ein spruch sagt : gott schütze dich vor sturm und wind … und vor deutschen die im ausland sind ! oder so ähnlich …

ich fand im frühjahr 2011 endlich einen dummen, einen jungen leutnant der guardia nacional (militär), der mir das große rote auto für 25 tsd bolivares abkaufte, bis dahin hatte ich es nicht geschafft auf legalem wege die nötigen papiere zu erlangen und das getriebe war erneut kaputt so das ich schon über ein halbes jahr ohne rückwärtsgang die eine oder andere überraschung erleben durfte …

und wie stand es bis dahin mit meinen träumen ? eigenes haus … fehlanzeige, traumfrau und nachwuchs … ebenfalls fehlanzeige, planerfüllung gleich null ! das wasserbett ist immer noch nicht aufgebaut und als melktier für die hiesige weiberschaft tauge ich nicht, es fließt bei mir nicht viel ausser ab und zu ein paar tränen und geld schon garnicht …

hier sagt man „liebe machen“ … lass uns liebe machen papi …

irgendwie klingt das komisch, wie lass uns vertrauen machen, lass uns hausaufgaben machen, lass uns den abwasch machen …

aber spaß beiseite, wenn damit ficken gemeint ist dann finde ich den begriff „liebe machen“ sehr unromantisch und in der tat ist es auch soooo … hier in amerika latina !

schnell rüber, schnell rein und raus und schnell fertig werden … dann noch schnell etwas auf die hand geben, am besten geld … und tschüß, bis zum nächsten mal oder auch nicht …

mein neues kleines blaues auto hat mich auch schon ein kleines vermögen gekostet, für 20000 bolivares (2000 euro) vor 15 monaten gekauft opferte ich bis jetzt weitere 15000 an reparaturen für den 16 jahre alten fiat. was läßt man sich nicht alles die mobilität kosten aber wenn er dann mal so richtig läuft ist autofahren total billig, naja zumindest an der tankstelle.

und sollte man einmal kein kleingeld in der tasche haben kann man den tankwart auch mit ein paar zigaretten oder einer tüte mangos zufriedenstellen … (gilt aber nur in venezuela).

heute und seit nunmehr 1 ¼ jahren landet keine europäische maschine mehr auf der “perle der karibik“ wie margarita auch genannt wird, oder wurde ? … meine potentiellen kunden haben venezuela den rücken gekehrt, zuviel bürokratie, hohe kosten, schlechtes niveau sowie kriminalität sind nur einige gründe dafür.

einige kleine arbeiten auf der werft blieben mir bis heute noch, rigginspektionen, kleinreparaturen oder kleinere drahtseilanfertigungen aber lange nicht genug um davon zu überleben …der geldfluß aus deutschland der mich in den ersten zwei jahren noch regelmäßig unterstützte ist versiegt und den letzten 500 euro schein habe ich in bolivares umgerubelt um das auto zu reparieren und die überfällige miete zu bezahlen. eine krankenversicherung habe ich nicht mehr.

mein ursprünglich geplantes hauptstandbein mußte ich durch eine krücke ersetzen, eine umkehr ist nicht in sicht. ich habe angefangen mich über klimaanlagen kundig zu machen, habe die ersten installiert, gereinigt und repariert … neuland erfordert investitionen in zeit und geld. zeit ist der einzige beneidenswerte luxus den ich genießen kann aber ich mußte auch spezielle arbeitsmittel und werkzeuge kaufen von geld was ich eigentlich nicht habe ... und ich suche eine gelegenheit umzuziehen, einerseits um miete zu sparen, anderseits um näher an den neuen klimaanlagenkunden zu sein.

das letzte steckenpferd, wenn nicht sogar das allerletzte … ist das taxifahren geworden, aber nicht als fahrgast, nee ... als kutscher. und da ich der ökonomie etwas kundig bin kann ich nach kurzer zeit sagen; die mühe lohnt nicht. ich schiebe meine probleme nur vor mir her, das alte auto verursacht hohe kosten und jedes schlagloch was ich erwische tut mir weh als wenn es den eigenen körper treffen würde. an manchen tagen habe ich pro gefahrenen kilometer die doppelten bolivares, an manchen doppelte kilometer pro bolivares und an ganz anderen tagen … bleibt mir nix, außer der erkenntnis … no vale la pena (die mühe lohnt nicht) !

existenzangst drückt sich unter anderem an unruhigem schlaf aus … mir bleibt derzeit noch eine kurze hose, ein paar plastelatschen für 50 bolis und 4 hemden … und wenn wieder mal einige bolivares übrig bleiben sollten muß ich sofort in neue klamotten investieren, die frauen hier sehen sofort bei wem es sich lohnt … oliven, parmesan, schinken, salami sind für mich zu luxusgütern geworden und ich vergesse immer mehr den geschmack dieser dinge. aber ok, die immer noch mehrheitlich arme bevölkerung leistet sich diesen luxus auch nur zu weihnachten, wenn überhaupt …


7.10.12 18:35
 


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Sabrina / Website (20.2.13 16:54)
Ich finde es immer wieder bewundernswert dass manche Menschen (darunter eben auch du) wirklich den Mut finden alles was sie hatten und haben zurückzulassen um in einem vollkommen fremden Land von 0 an wieder anzufangen. Ich stelle es mir sehr schwer und vor allem auch sehr anstrengend vor. Zu sehen das du es aber 4 Jahre lang geschafft hast, ist für mich ein Zeichen das der Spruch „wo ein Wille, da auch ein Weg“ eben doch stimmen kann.

Alles gut für weitere 4 Jahre !

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